Wenn Erfahrung in Rente geht – Wie wir bei EppsteinFOILS Jahrzehnte an Wissen sichern
Warum wir Künstliche Intelligenz nutzen, um das wertvollste Gut unserer Fertigung zu bewahren: das Erfahrungswissen unserer Mitarbeitenden.
Es gibt bei uns im Werk Leute, die hören an einer Walzanlage, ob etwas nicht stimmt. Kein Sensor hat es gemeldet, kein Display blinkt rot – aber der Kollege dreht sich um und sagt: „Da passt was nicht." Und er hat Recht. Jedes Mal.
Dieses Wissen steht in keinem Handbuch. Es steckt in keinem Datenblatt und in keiner Maschinenakte. Es sitzt in den Köpfen von Spezialisten, die seit zehn, zwanzig oder dreißig Jahren bei EppsteinFOILS arbeiten und die unsere Anlagen besser kennen als jede Betriebsanleitung es je beschreiben könnte. Und genau dieses Wissen ist bedroht – nicht durch Konkurrenz oder Technologie, sondern schlicht und einfach durch den Lauf der Zeit. Wenn erfahrene Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen, geht auch ihr Wissen. Unwiederbringlich. Es sei denn, man tut etwas dagegen.
Das Problem, über das niemand gerne spricht
In der Industrie reden wir viel über Digitalisierung, Industrie 4.0, Automatisierung. Was dabei erstaunlich selten zur Sprache kommt: der stille Wissensverlust, der in fast jedem produzierenden Unternehmen stattfindet. Jeden Tag, bei jedem Renteneintritt, bei jeder Kündigung. Es ist ein bisschen so, als würde man eine Bibliothek betreiben, in der die wertvollsten Bücher nicht im Regal stehen, sondern im Gedächtnis des Bibliothekars. Wenn der Bibliothekar geht, ist die Bibliothek noch da – aber sie ist plötzlich viel weniger wert.
Für uns bei EppsteinFOILS ist dieses Thema besonders brisant. Und das hat einen einfachen Grund: Wir bauen unsere Produktionsanlagen zu großen Teilen selbst. Die Maschinen, auf denen wir Metallfolien walzen, schneiden und kaschieren, sind keine Standardprodukte aus dem Katalog. Sie sind Eigenentwicklungen, gebaut für unsere speziellen Anforderungen und unsere speziellen Produkte – etwa Trennfolien für Defibrillatoren oder Dichtungsfolien für Wein-Schraubverschlüsse. Da gibt es keine Hotline, die man anrufen kann, wenn eine Anlage zickt. Da gibt es nur die eigenen Leute.
Erfahrungswissen ist kein Luxus – es ist ein Wettbewerbsfaktor
Unser Geschäftsführer Dr. Marco Holst bringt es auf den Punkt: In einigen unserer Geschäftsfelder haben wir eine Sonderstellung am Markt. Die beruht nicht nur auf der Qualität unserer Folien, sondern ganz wesentlich auf dem Know-how, das hinter der Herstellung steckt. Dieses Wissen wollen und müssen wir schützen – und gleichzeitig sicherstellen, dass es nicht mit den Menschen verschwindet, die es aufgebaut haben.
Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht. In der Realität vieler Mittelständler passiert genau das: Der erfahrene Maschinenbediener geht, der Nachfolger startet bei null, und die Organisation braucht Monate oder Jahre, um das Niveau wieder zu erreichen. Im schlimmsten Fall erreicht sie es nie, weil bestimmte Tricks und Kniffe einfach nirgendwo dokumentiert sind.
Unsere Antwort: KI-gestütztes Wissensmanagement
Wir haben deshalb ein Projekt gestartet, das genau hier ansetzt. In Zusammenarbeit mit dem Taunuser Startup great2know nutzen wir eine Software für digitales Wissensmanagement, die auf Künstlicher Intelligenz basiert.
Das funktioniert so: In moderierten Interviews erzählen unsere Anlagen-, Prozess- und Materialspezialisten von ihren Erfahrungen. Ganz frei, ganz persönlich. Es geht nicht um trockene Prozessbeschreibungen, sondern um das gelebte Wissen: Welche Stellschraube dreht man zuerst, wenn das Material nach dem Walzen Wellen zeigt? Wie erkennt man, dass ein Klebstoffsystem im Kaschierverbund an seine Grenzen kommt? Was macht man, wenn die Anlage nach einer Wartung nicht sofort wieder rund läuft? Wir haben sogar ehemalige Kollegen eingebunden, die bereits im Ruhestand sind – weil ihr Wissen viel zu wertvoll ist, um es einfach ziehen zu lassen.
Die Software von great2know verarbeitet diese lose eingesprochenen Informationen anschließend und stellt sie in strukturierter, vernetzter Form bereit. Die KI sorgt dafür, dass das Wissen nicht in einem unsortierten Datengrab verschwindet, sondern mit passenden Kontexten verknüpft wird und auffindbar bleibt – auch für Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht erst in fünf Jahren bei uns anfangen.
Was die KI kann – und was nicht
An dieser Stelle eine wichtige Klarstellung, die uns am Herzen liegt: Die KI ersetzt kein einziges unserer Teammitglieder. Sie ersetzt auch nicht deren Urteilsvermögen, deren Erfahrung oder deren Fingerspitzengefühl. Was sie kann, ist etwas anderes: Sie hilft dabei, die Struktur im Wissen zu finden. Sie erkennt Zusammenhänge, die ein Mensch vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht, weil sie in verschiedenen Gesprächen mit verschiedenen Personen zur Sprache kamen. Sie macht Wissen durchsuchbar, navigierbar und damit nutzbar.
Das Ziel ist nicht, Informationen in einer Datenbank abzulegen. Es geht darum, die Erfahrungslogik, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat, so aufzubereiten, dass auch künftige Teams davon profitieren. Die KI übernimmt dabei die Strukturierung – die eigentliche Expertise bleibt bei den Menschen, die sie einbringen.
Ein Anfang – mit viel Potenzial
Wir stehen mit diesem Projekt am Anfang. Die ersten Interviews laufen, die ersten Wissensbausteine werden digital erfasst und aufbereitet. Wenn sich der Ansatz bewährt – und wir sind zuversichtlich, dass er das tun wird –, wollen wir ihn auf weitere Unternehmensbereiche ausweiten, etwa auf das Finanzmanagement oder die Qualitätssicherung.
Für uns als über 170 Jahre altes Unternehmen ist das ein spannender Moment: Tradition und Künstliche Intelligenz schließen sich nicht aus. Im Gegenteil. KI ist in diesem Fall das Werkzeug, das dafür sorgt, dass Tradition nicht verloren geht. Dass das Wissen der Menschen, die EppsteinFOILS zu dem gemacht haben, was es ist, auch morgen noch zur Verfügung steht. Für die nächste Generation von Folienmachern.
Und für den Kollegen, der gerade an der Walzanlage steht und sich fragt, warum es gerade etwas anders klingt als sonst – der wird bald nicht mehr der Einzige sein, der die Antwort kennt.
Die Pressemeldung hierzu finden Sie hier zum Download.